Stephan Wendehorst - Vom Zeremoniell zum Protokoll

19.01.2016

VORTRAG - Stephan Wendehorst

"Vom Zeremoniell zum Protokoll. Der Wiener Kongress als Wendepunkt in der Kulturgeschichte des Völkerrechts"

Der Außenminister eines Landes mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat missachtet konsequent das
Rauchverbot. Nicht alle Staatsgäste sind zum Barbeque auf dem Privatsitz des Präsidenten willkommen. Ein Staatsoberhaupt bezahlt eine umstrittene Auslandsreise aus dem eigenen Haushalt. Stephan Wendehorst fragt, ob die Vormoderne Erklärungshilfe leistet.

Rauschende Bälle und anregende Salons verstellen den Blick darauf, dass der Wiener Kongress das
Gesandtschaftsrecht entscheidend modernisierte. Das „Reglement über den Rang zwischen den
diplomatischen Agenten“ vom 19. März 1815, bestätigt in Art. 118 der Schlussakte des Wiener Kongresses, vollzog die Wende vom Zeremoniell zum Protokoll. Das Règlement de Vienne vereinheitlichte die Rangordnung der diplomatischen Vertreter, monopolisierte das diplomatische Vertretungsrecht in der Hand der Staaten und legte – der Hl. Stuhl ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt – die grundsätzliche Gleichrangigkeit der Staaten im diplomatischen Protokoll fest. Das Zeremoniell, das einen eigenen gewichtigen Zweig des vormodernen Völkerrechts gebildet hatte, wandelte sich zum bloßen Protokoll.
Das vormoderne Gesandtschaftswesen, das durch zahlreiche Abstufungen des diplomatischen Personals, endemische Rangstreitigkeiten und die Praxis von Mehrfachvertretungen gekennzeichnet war, wurde Völkerrechtsgeschichte, so das Narrativ, das Stephan Wendehorst infrage stellt.
Stephan Wendehorst koordiniert das Forschungscluster „Jüdisches Hl. Römisches Reich“, lehrt
Rechtsgeschichte an der Universität Wien und habilitiert sich mit einer Arbeit über Reichsgeschichte als
Völkerrechtsgeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Nach der Promotion an der Universität
Oxford war er stv. Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der
Universität Leipzig und Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung. Derzeit ist er IFK_Senior Fellow.

Vom Schutz verfolgter Religionsverwandter zum Schutz der universalen Menschenrechte: Zur Geschichte von Recht und Praxis der humanitären Intervention, Skript, 4. Aufl., Gießen/Wien 2015; British Jewry, Zionism and the Jewish State, 1936–1956, Oxford 2012 (Dissertationsschrift); Die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien. Herrschaftsmanagement jenseits von Staat und Nation, München 2013; Imperial Spaces as Jewish Spaces. The Holy Roman Empire, the Emperor and the Jews in the Early Modern Period, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts/Simon-Dubnow-Institute Yearbook 2 (2003), S. 436–475.

19. Januar 2016
14.00 Uhr s. t.
IFK
1010, Reichsratsstraße 17